Heim-/Rollentrainer
Stand: 30.11.2016

Spinning
Gleich zu Beginn meiner intensiveren Freizeitgestaltung mit dem Fahrrad habe ich mir für die Wintermonate einen Spinner zugelegt. Es ergab sich die Gelegenheit von einem Fitnesstudio einen ausgemusterten Tomahawk (2.Generation) zu erwerben. Der Tomahawk war mein Wunschgerät, denn egal von welcher anderen Herstellerfirma waren die Erfahrungen hinsichtlich Haltbarkeit und Ersatzteilbeschaffung nicht so positiv behaftet wie die des Tomahawk. Da habe ich auch in Kauf genommen, dass das Gerät optisch nicht gerade ansprechend war, dafür regelrecht unkaputtbar.
Ich habe das Teil komplett zerlegt und in einer Autolackiererei sandstrahlen und neu lackieren lassen. Die wenigen beweglichen Teile wie Bremse und Antrieb (Motorradkette) gesäubert und alles wieder zusammen gebaut. So hat mir das Teil einige Jahre den Winter verkürzt.

Letztes Jahr habe ich mich dann aber auf Grund der Marktentwicklung neuer Trainer für das Rennrad von dem Spinner getrennt. Dafür gab es gleich mehrere Gründe:
• ich konnte nie exakt meine Sitzposition vom Rennrad abbilden. Eine veränderte Sitzpsotion trainiert tatsäclich teilweise andere Muskelbereiche.
• die Pedalen stehen weiter auseinander als beim Fahrrad
• eine vernünftige Regulierung des Tretwiderstandes war nicht möglich.
• fehlende Sensoren (ein GSC10 von Garmin lieferte mir wenigstens die TF)
Auf dem, ich bezeichne es jetzt mal allgemein als "Rollentrainer"-Markt hat sich seit 2013 einiges getan.
Zu den üblichen Rennrad-Trainern, in welchen das Hinterrad eingespannt wird und man mit Anpressdruck auf einer Gummiwalze fährt gesellte sich mit dem WAHOO KICKR das erste Gerät, welches kein Hinterrad mehr benötigte. Das Gestell des Trainers ist quasi der Ersatz für das Hinterrad.
Dieser Lösungsansatz war der Erste, der meinen Vorstellungen eines Trainers entsprach, klein und platzsparend, leises Laufverhalten, volle Funktion der Gangschaltung, Trittfrequenzen (TF) unter 60 problemlos möglich. Gerade der letzte Punkt hat mich bei den Hinterrad gebremsten Trainern immer gestört.

TAXC BUSHIDO
Der TACX BUSHIDO, den ich einige Tage testen konnte, funktioniert eigentlich ganz gut, nur sollte man immer mit der TF möglichst hohe Werte fahren. Sobald man TFs unter 60-65 fährt hat das Treten absolut nichts mehr mit Radfahren zu tun, das Fahrgefühl ist komplett weg, da es keinen Nachlauf des Hinterrades gibt. Es rollt nicht mehr.
Da ich nun gerade in den Wintermonaten Intervalle zum Kraftaufbau fahre ist diese Art von Trainern für mich ein Nogo. Zudem habe ich keine Unterstützung meines sowieso schon vorhandenen Garmin Edge, sondern muss mit dem zusätzlichen Display des TACX leben. Dieses bietet beim BUSHIDO zwar eine Wattanzeige, die ist aber so ungenau, dass ich die Sinnhaftigkeit absolut in Frage stelle.
TACX unterstützt auch Realtime Videos, damit man sich auf der Rolle nicht so langweilt. Ist nicht so mein Ding. Erstens kosten die guten Filme richtiges Geld und dann muss ich mir bei jedem Training die gleiche Strecke ansehen, nein Danke. Für mein Intervalltraining irgendwie unsinnig. Aber wer es mag...

WAHOO KICKR
Als nächstes habe ich mir den WAHOO KICKR angesehen und Probe gefahren. Was für ein Unterschied! Er derart realistisches Fahrverhalten hatte ich nicht erwartet. Zu krass der Unterschied zu den Hinterrad-Rollentrainern. Der KICKR ist defintiv das Mass aller Dinge. Was ich besonders zu schätzen weiss ist, dass der Kickr ein offenes System ist. Während alle anderen Hersteller mit Zubehör, Trainingsprogrammen etc ihr eigenes Süppchen kochen, ist der KICKR ein offenes System, welches mit Android, iPhone, ANT+ und BT funktioniert. Dazu kommt ein grosses Angebot an Programmen und Apps, die mehr bieten als die Systemsoftware der Standard Trainer. Auch die Fans der Realtime Videos werden von diversen Anbietern mit hochwertigen Videos versorgt. Die Stärke des KICKR ist natürlich die Möglichkeit wattbasiertes Training durchzuführen. Das geht statisch oder elektronisch gesteuert durch ein Trainingsprogramm oder sogar ein Video, in welchem die Steigungsprozente vorliegen. Man versucht wirklich ein möglichst realitätsnahes Training zu ermöglichen. In dieser Funktion kann man den KICKR durchaus als Fahrsimulator bezeichnen.
Wer sich für das Gerät von WAHOO interessiert sei auf den wirklich guten Test von DC Rainmaker verwiesen (englisch).


ELITE TURBO MUIN (Smart B+)
Nach der Erfahrung mit dem KICKR habe ich den Markt nach Alternativen sondiert. Fündig geworden bin ich nur bei der Firma ELITE. Hier werden zwei Geräte angeboten
• Turbo Muin / TurboMuin Smart B+
• Real Turbo Muin / TurboMuin Smart B+
Äusserlich nahezu gleich liegt der Unterschied nicht nur im Preis (400€ zu 1000€) sondern auch in der Funktionalität. Der Real Turbo Muin ist in allem ziemlich identisch zum Wahoo Kickr. Bei nahezu identischem Preis wäre aber der WAHOO sicher die vernünftigere Lösung, denn der Elite bietet nicht die offenen Schnittstellen wie der Konkurrent. Auch die Stabilität und Verarbeitung spricht für den KICKR.
Interessant war für mich der einfache TurboMuin. Er ist recht preisgünstig zu bekommen und erfüllt vom Laufverhalten alle meine Erwartungen, auch wenn ich Einwenden muss, dass der KICKR dem Elite auch im Rollverhalten überlegen ist.
Da ich mein Rennrad so wie es ist auch im Trainer nutzen wollte, ohne zusätzliche Elektronik die Elite auch anbietet, habe ich folgende Hardware verwendet bzw. gekauft:
• Elite TurboMuin
• Ritzelpaket 11-23
• Sigma ANT+ Geschwindigkeitssensor (der vom ROX10)
• Edge1000 (jeder Edge würde damit funktionieren)
(Die ideale Ergänzung wäre jetzt noch ein Powermeter! Das wäre noch genauer als der KICKR, das Einzige was man gegenüber  dem KICKR/REAL TM nicht hätte wäre eine elektronische Steuerung des Tretwiderstandes/Bremse.)
Der Sigma Sensor wird Aussen an das Gehäuse geklebt, in Höhe Rand der Schwungscheibe. Die Schwungscheibe verfügt bereits über einen Magneten als Pulsgeber.
Somit erhalte ich am Edge die Parameter Speed vom Sigma, TF von der Kurbel (neuer, magnetfreier Garmin-Sensor) und Herzfrequenz vom Garmin Brustgurt.
Den Sigma-Sensor habe ich nach der Messung mit dem Powermeter (ROTOR) auf einen Radumfang von 2850 eingestellt. Damit liefert er bei 150 Watt eine Geschwindigkeit von ca. 28Km/h. Allerdings steigt die Widerstandskurve des Elite bei Belastung exponential an, sodass am Ende doch viel zu wenig Speed respektive gefahrene Km angezeigt werden. Damit ist klar, dass diese Geschwindigkeitseinstellung nicht genau sein kann, vermittelt aber einen ungefähren Wert der gefahrenen Trainings-Km.
Für mich ist relevant, dass ich beim Intervalltraining bestimmte Watt oder Trittfrequenzen sehen, fahren und halten kann. Die Geschwindigkeit ist trainingstechnisch nicht relevant.

Misuro B+ Sensor
Seit September 2015 gibt es von Elite das überarbeitete Misuro B+ Modul, welches via BT und ANT+ auch als Powermeter Daten an die Elite App, den Garmin Edge oder via ANT+ USB-Stick an den PC sendet. Der Sensor in Grösse einer flachen Streicholzschachtel wird an den neueren TurboMuins in einer Gehäuseklappe untergebracht, in den Geräten vor Mitte 2015 ausgeliefert mittels Klettaufkleber an der gleichen Stelle wie der oben beschriebene Sigma Sensor.
Dummer Weise ist der Misuro ein Kombi-Sensor auch für TF, heisst der Edge empfängt wie von einem GSC10 eine Mischinformation von Speed und TF. Leider ist der TurboMuin bis zum Modelljahr 2015 nicht in der Lage TF Werte an den Misuro zu übermitteln, sendet damit also bei den älteren Geräten nur Speed.
Der Edge empfängt bei mir aber vom Garmin Kurbelsensor die TF. Nun kommen sich die beiden Sensoren ins Gehege was bedeutet: Entweder Speed oder TF, beides geht nicht wenn man den Misuro+ Sensor verwendet. Die Powermeterdaten sind von diesem Manko nicht betroffen.
Für dieses Dilemma gibt es aber eine Lösung: Da ich schon einen Speedsensor habe (Sigma), verwende ich diesen weiter. Er klebt direkt unterhalb des MisuroB+ und funktioniert dort problemlos. Im Edge deaktiviere ich den Kombisensor TF/Speed des Misuro und aktiviere den Sigma Speed-Sensor. Jetzt nutze ich vom MisuroB+ nur noch die Powermeterfunktion, während Speed und TF von eigenständigen Sensoren gesendet werden. Speed bleibt aber ein Schätzwert!!!
Misuro Smart B+, darunter Sigma SpeedSensor
An den aktuellen TM Smart B+ kann man dagegen anstelle des Misuro B+ den GSC10 verbauen, in dem man den Sensor bei abgenommener, roter Kappe am TM fixiert. Dies dürfte allerdings optisch weniger schön nur mit Klebeband möglich sein. Die Position muss man austesten. Es werden dann Speed und TF übertragen.
Ich empfehle daher dringend beim Kauf eines TM darauf zu achten eine Seriennr >A30000 zu erhalten, denn hier werden Speed, TF und PM unterstützt, wie es bei den neuen Modellen mit dem Zusatz "Smart B+" Standard ist!

Nach zwei Vergleichstest des MISURO B+ Sensors gegen ein ROTOR InPower Powermeter musste ich feststellen, dass der Misuro dem Athleten doch ein wenig schmeichelt.
Das Floating zu Beginn des Trainings auf Grund der sich nur langsam erwärmenden Widerstandsflüssigkeit im TM ist extrem. In Minute 1 des Tests zeigte ROTOR 130 Watt, der Misuro dagegen 185 Watt.
Erst nach 10-15 Minuten nähern sich die Werte an, wobei der Misuro im Durchschnitt ca 13% abweicht. Diese Abweichung liess sich beliebig oft reproduzieren, wobei scheinbar bei niedrigerer TF(<60)  und hoher Leistung der Wert etwas weiter vom Soll entfernt ist (ca 15%) und bei sehr hoher TF mit geringerer Leistung etwas niedriger auszufallen scheint (ca.10%). Ganz linear ist die durchschnittlich 13%ige Abweichung jedenfalls nicht.
Vergleicht man einzelne Abschnitte grafisch, sieht man, dass der Misuro im Gegensatz zum ROTOR Werte ein wenig glatt bügelt oder auch mal kleine Peaks oder Drops setzt, wenn sich die Leistung verändert.
Das die Wiedergabe der Leistung in der Anzeige gegenüber dem am Rad verbauten PM etwas verzögert kommt empfinde ich als nicht wirklich.störend.
Analysiert man man seine Trainings in GoldenCheetah (siehe unten) kann man den Watt-Wert nachträglich um diese 13% korrigieren, die extreme Abweichung der ersten 10-15 Minuten ist allerdings nicht anpassbar. Will man also zu Analysezwecken möglichst genaue Werte sollte man den Anfangszeitraum aussparen, entweder durch verzögerten Start der Aufnahme oder durch spätere, manuelle Anpassung des Analysezeitraums des Trainings.
Für ein Fake-PM wie den Misuro für 50€ sind die dann nachträglich korrigierten Werte noch akzeptabel, auf jeden Fall immer noch besser so als nur mit HF und TF zu trainieren.

Kassette für den TurboMuin
Ich nutze eine 11-26 SRAM Kassette, 11-fach mit 34/50 Kompakt.
Wer eine Kompaktkurbel dem empfehle ich mit einem 11er Ritzel  anzufangen, wenn auch langsame, harte Anstiege mit niedriger TF trainiert werden sollen. 34-26 ist für mich als leichtester Gang mit hoher TF (>90) zu leicht, da passt das 23er schon besser..
Wer eine Standardkurbel hat und schon ein wenig Bums in den Beinen (ist also kein Anfänger) nimmt besser eine 12-25, ansonsten würde ich eher 12-27(28) empfehlen, damit man bei Recon-Einheiten um die 100-120 Watt noch mit einer TF>80 fahren kannst.
Als wirklich starker Fahrer, der auch draussen weit jenseits der 30km/h unterwegs ist, passt die Standardkurbel mit 11-23.
Für den Trainer reicht definitiv eine einfache Shimano 105 Kassette, auch wenn man Ultegra, DuraAce oder SRAM fährt. So viele Schaltvorgänge wie draussen hat man auf dem Trainer nicht und das Gewicht spielt da eh keine Rolle!

ANT+ Trainer mit Golden Cheetah nutzen
Wer einen Trainer mit ANT+ Schnittstelle benutzt kann damit auch ohne Edge prima trainieren, muss allerdings einen PC daneben stehen haben. Das kostenfreie Programm Golden Cheetah (für Windows und MAC) ist speziell für die Auswertung von Powermetern entwickelt worden. Neben der üblichen Importfunktion von Dateien aus z.B. dem Edge besteht auch die Möglichkeit die Daten des Trainers direkt mit Golden Cheetah zu empfangen, anzuzeigen und aufzuzeichnen. Man benötigt dazu nur einen USB ANT+ Stick. Wichtig: Es muss einer der neueren ANT+ Sticks sein. Diese sind an der sehr kurzen Bauform zu erkennen. Zu bekommen sind sie von Garmin oder Suunto. Die alten ANT+ Sticks in der Bauform wie ein üblicher USB Speicherstick funktionieren nicht bzw. nicht richtig!
Wer Golden Cheetah erstmalig nutzt und sich mit Powermetern zu beschäftigen beginnt steht hier allerdings vor einem Buch mit sieben Siegeln. Die Materie ist sehr komplex. Ohne sich einzulesen wird man grundsätzlich mit einem PM nicht viel anfangen können. Die Referenz unter den Büchern, die dringend zu empfehlen sind, ist von Allen/Coggan
Wattmessung im Radsport und Triathlon.

Fazit meiner bisherigen Erfahrungen
Mein erstes Fazit zum MisuroB+ fällt positiv aus. In der Preisklasse 400-450€ dürfte es incl des Sensors kein weiteres Gerät geben, welches sich so prima fahren lässt wie der Elite TurboMuin.
Da die Missweisung bei der Wattberechnung ab etwa 15 Minuten Nutzung ziemlich konstant ist, lässt sich der TM durchaus für gezieltes und relativ genaues Watt-Training verwenden. Wichtig ist dabei nur, dass der FTP Test mit dem TM durchgeführt wurde. Die lineare Verschiebung der Messwerte ist nicht relevant, da sich die Leistungszonen aus prozentualen Anteilen errechnen und daher immer passend sind.
Wenn ein Heimtrainer beschafft werden soll und das Geld keine Rolle spielt, erste Wahl ganz klar der WAHOO KICKR oder Tacxs NEO, der zur Zeit der Referenztrainer auf dem Markt ist.
Benutze ich den Rechenschieber, könnte aber folgende Kombination bei gleichem Preis viel sinnvoller sein:
Diese Kombination hätte den Vorteil, dass ich den Powermeter am Rad verbaut habe und damit auch im normalen Fahrbetrieb auf die Wattmessung zurück greifen kann. Zudem ist ein verbautes PM genauer als der Misuro.
Wer einfach nur fahren will findet im TurboMuin ein kompaktes Gerät mit recht realitätsnahem und für viele wichtig leisem Rollverhalten zu einem akzeptablen Preis. Der neue Misuro B+ Sensor erfüllt dann auch den Wunsch nach einem preisgünstigem Powermeter, dessen Daten man aber nachträglich korrelieren bzw. wissen muss, dass er um ca 13% zu hohe Werte anzeigt.

Da der Misuro B+  laut Elite "ANT+ F-EC" kompatibel ist, werden in Zukunft auch im Internet viele Anbieter von Livetrainings oder virtuellen Rennen wie zB Zwift den TurboMuin unterstützen.
Von einem Trainer ohne ANT+ F-EC Unterstützung kann ich nur abraten, wenn man zukunftssicher sein möchte!
Wer unsicher ist, welche Trainerart nun wirklich zu einem passt, sollte in einem der grossen Fachmärkte mal den typischen z.B. TACX Rollentrainer mit Hinterradbremse und dann einen DirectDrive wie TurboMuin oder Ähnlichen testen. Bis jetzt konnte ich noch jeden vom Kickr-/TurboMuin/Neo-Prinzip überzeugen, der ihn Probe gefahren ist.

Nicht unerwähnt lassen möchte ich aber einen Trainer der vollkommen aus der Rolle fällt, den
STAC ZERO. Vom Aussehen ein normaler Rollentrainer der unter Verwendung eines Hinterrades genutzt wird. Voraussetzung für die Nutzung ist eine Felge, die mindestens eine Alu-Bremsflanke hat. Carbonfelgen gehen nicht. Wieso? Der Trainer erzeugt den Widerstand für das Hinterrad nicht per Anpressrolle sondern per Magnetfeld. Das funktioniert hervorragend und ist zudem absulot lautlos, man hört nur die Geräusche die das Fahrrad selbst produziert. Das Gerät gibt es in zwei Versionen, mit (350€) und ohne (450€) ANT+ Sensoren für Speed und TF. Ein englischsprachiger Test zu diesem Trainer kann hier nachgelesen werden.

Wer sich über das aktuelle Markangebot an Trainern kompetent informieren möchte den verweise ich auf die
aktuelle Modellübersicht und Tests von DC Rainmaker (englischsprachig).

Danke für's Lesen!
Meine Fahrradwelt auf KetteRechts.de