Vorwort
Obwohl mein Rennrad erst ein Jahr alt ist, habe ich mich beim Kauf noch gegen eine elektronische Schaltung entschieden. Nicht, weil ich keine wollte sondern weil für mich nur die SRAM eTAP in Frage kam. Die war zu diesem Zeitpunkt erst neu auf dem Markt und damit teuer und zweitens gabe es logischer Weise auch keine Erfahrungen damit. Insbesondere meine heiss geliebten Q-Rings sollten ja damit funktionieren, was mir zu diesem Zeitpunkt aber niemand garantieren konnte.
Die Konkurrenz von Shimano oder Campagnolo kam für mich nicht in Frage. Ich wollte weg von Innen verlegten Zügen und Kabeln, weg von der Suche nach dem optimalen und damit nicht sichtbaren Installationsort der Akkus. Ich war noch nie ein Freund der "Wäscheleinen" am Fahrrad und somit war die eTAP für mich die einzig sinnvolle Konsequenz.
Jetzt nach einem Jahr gibt es reichlich Erfahrungen mit dieser Schaltung und auch die Q-Rings funktionieren......es gibt aber auch Problemfälle, wo ausnahmslos der vordere Umwerfer das Sorgenkind ist. Entweder schaltet er nicht von Klein auf Gross oder er schmeisst die Kette vom grossen Blatt ab. Da ich das aber schon von der RED22 her kannte war ich mir sicher dieses Problem in den Griff zu bekommen.
Elektronische Schaltung: SRAM eTAP mit Q-Rings
Stand: 04.03.2017
Im ersten Bild ist die optimale Einstellung der Q-Rings für das grosse Kettenblatt zu sehen. Max. Abstand Kettenblatt zu Umwerferrand gemäss der Anleitung von Rotor ca 1,5mm. Damit ist aber das Problem des Kettenabwurfs nicht gelöst.
Wie man in dem zweiten Bild sehen kann, muss man in der Höhenjustierung rutscht der vorgegebene Abstand von 1,5mm beim kleinen Kettenblatt weiter nach hinten und nicht nur das. Je nach Form des Schaltkäfigs kommt es unter Umständen auch zu einer Berührung der beiden Komponenten, da der Käfig leicht schräg mit seinem Ende etwas ausserhalb des grossen Kettenblattes liegt. Das verhindert, dass man den Schaltkäfig optimal positionieren kann, wie es gemäss Bild 1 sein sollte.

Die Lösung liegt darin den Anstellwinkel des Schaltkäfigs zu verändern. Drehe ich nämlich den Umwerfer um seine Befestigungsachse minimal im Uhrzeigersinn verschiebt sich die Position der breitesten Stelle des Kettenblattes zur Rundung des Schaltkäfigs nach vorne. Damit kann ich den Umwerfer doch wieder so einstellen, wie es Rotor vorgibt, nämlich im Bereich der vorderen 1-2cm des Schaltkäfigs und mit einem Abstand von 1,5-2mm.
Diese Lösung dürfte übrigens auch bei normalen Kettenblättern funktionieren, konnte ich aber leider nicht testen. SRAM schreibt dazu, dass durch das Distanzstück der Umwerfvorgang früher einsetzt und dadurch ein Kettenabwurf verhindert wird.

Wie der simple Einbau zu erfolgen hat hat ROTOR in dem ganz unten aufgeführten Youtube Link beschrieben (shims). Die Shim oder Unterlegscheibe bietet Rotor als Zubehör zu den QXL-Rings an. In diesem Zubehörpaket (mit ca. 32€ unverhältnismässig teuer) befinden sich zwei Unterlegscheiben. Eine dünne Scheibe für Normalräder und eine sehr breites Zwischenstück, welches eher an Zeitfahrmaschinen Verwendung finden dürfte. Das für mich wichtige, dünnere Zwischenstück ist gleichmässig geformt, etwa 3mm dick. Das dreht zwar nicht den Umwerfer, versetzt ihn aber weiter nach hinten, was dem gewünschten Effekt sehr nahe kommt.
Nun habe ich mir das eTAP Road-Upgrade-Kit als Ersatz für meine RED22 vorzeitig zu Weihnachten geschenkt und inzwischen auch montiert.
Im Folgenden will ich meine Erfahrungen und Tipps weiter geben, denn ich bin mir sehr sicher, dass so manch engagierter Schrauber vor gleichen Problemen stehen wird.
Installation der eTAP
Der Anbau der neuen Schaltung verlief recht unspektakulär, logischer Weise viel einfacher als mit zusätzlich zu installierenden Zügen oder Kabeln.
Nach dem funktechnischen Verbinden der Stellmotoren mit den STI konnten die Komponenten schon montiert werden. Die Montage unterscheidet sich nicht von der mechanischen Variante.

Als nächstes wird das hintere Schaltwerk auf das innere und äussere Ritzel justiert. Das erfolgt mittels der STI und geht ruckzuck. Stimmen Schaltwerkröllchen und Ritzel überein wird das Schaltwerk mit zwei Feststellschrauben auf diese Einstellung fixiert. Wechselt man also öfters das Hinterrrad kann es bei verschiedenen Herstellern sein, dass man diese Justage wiederholen muss. Da das aber denkbar einfach und unkompliziert ist sollte einen das nicht abschrecken. Ist bei der mechanischen Schaltung nicht anders.

Die Funktionalität insbesondere des vorderen Umwerfers hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab, die bei jedem Rad auf Grund der unterschiedlichen Komponenten entscheidend sind.
1. Die Grösse (Grössenunterschied) von kleinem und grossen Kettenblatt. Fällt die Grössenunterschied zu gross aus schafft der Umwerfer den Wechsel insbesondere von Klein auf Gross nicht sauber
2. Die Qualität der Kettenblätter (Steighilfen und Steifheit)
3. Der Kurbel. Es gibt Kurbeln, die zu stark gekröpft sind (zB von FSA) und dadurch unter Umständen das Gehäuse des eTAP Umwerfers berühren
4. Die Spezifikationen des Rahmens, Winkel der Sattelstütze und damit Winkel des Anlötsockels, Kettenlinie, Abstand Kurbellager zu Hinterradachse, q-Faktor, Lagerspezifikation, Kurbelwellenlänge usw.
5. Die Kettenlänge. Ist die Kette zu lang schwingt sie durch das ovale Kettenblatt zu stark durch und rutscht u.U. vom Kettenblatt ab
Wenn man es ganz unglücklich trifft wird man die eTAP mit Q-Rings nie sauber zum Laufen bringen. Die Montage an einem Damenrad war dafür ein gutes Beispiel. Alles war korrekt eingestellt, aber wieder war der vordere Umwerfer das Problem. Die Ursache war der zu geringe Abstand zwischen Umwerfer und Ritzel. Da scheint ein zu kurzer Rahmen für eine Frau mit 162cm Körpergrösse inkompatibel zu sein. Wohlgemerkt mit Q-Rings. Mit runden Kettenblättern funkionierte es dann, wenn auch der Schaltvorgang vorne etwas hakelig verlief.
Grundsätzlich sollte man den Installationsvorgaben von Rotor bzw. SRAM bei Installation der Komponenten Folge leisten. Der Feinschliff kommt später!
Es gibt vier Schlüsselkomponenten für den korrekten, vorderen Umwerferaufbau:
1. Umwerfer Höhe und Befestigungswinkel an der Sattelstütze
2. Schaltwinkel
3. Seilspannung (entfällt bei der eTAP)
4. Begrenzerschrauben
Die Umwerferhöhe wird einfach definiert: Kette auf kleinem Blatt. Der Abstand zwischen grossem Kettenblatt und vorderem Rand des Käfigs darf nur 1,5-2mm betragen.
Das grosse Kettenblatt muss mit der Mitte-Markierung am hinteren Ende des Schaltkäfigs übereinstimmen.
Die Feineinstellung des Schaltkäfigs muss gemäss Anleitung SRAM durchgeführt werden (innere und äussere Begrenzung des Schaltkäfigs).
Mit einem runden Kettenblatt funktioniert das jetzt schon problemlos. Leider nicht mit den Q-Rings. Der Schaltvorgang Gross auf Klein klappt mit 99%-iger Sicherheit auf Anhieb. Der Schaltvorgang klein auf Gross u.U. auch. Hatte mich schon gefreut, dass es beim händischen Betreiben der Kurbel prima geht. Das änderte sich unter Last. Kurz auf’s Rad gesetzt (steht zur Zeit auf der Rolle) einmal alle Gänge durchschalten und Freude pur über dieses geniale Schaltverhalten. Kette auf vorne klein, hinten gross und dann auf das grosse Blatt geschaltet….super 5-6 mal, nie ein Problem. Also hoch schalten und kleinstes Ritzel auswählen. Worst case! Beim dritten Wechsel Klein auf Gross fiel die Kette unter Last nach aussen ab. Nochmals ohne Last durch langsames Drehen der Kurbel per Hand, alles prima.
Lösung: Ein wenig Carbonpaste auf beide Seiten der Scheibe und fertig. Da bewegt sich oder verrutscht nichts.
Um den Umwerfer in die richtige Position zu bringen wird die Distanzscheibe mit dem dünnen Ende nach oben eingebaut.
Der Rest der Montage des Umwerfers erfolgt am besten, was seine Höhe zum ovalen Kettenblatt angeht, nach Vorgabe ROTOR, die Einstellung des Schaltkäfigs dann gemäss Anleitung SRAM.

Was hat der Einbau der Distanzscheibe gebracht? Keine Kettenabwürfe mehr egal aus welcher Position ich auf Gross schalte und was mir auch wichtig war: Schalten unter Vollast geht jetzt ohne Probleme. Das konnte ich zwar nur auf der Rolle ausprobieren, denke aber, dass die Strasse keinen grossen Unterschied ausmacht. Die einzige Kröte, die ich an meinem Rad schlucken muss ist, dass die Kette bei vorne und hinten auf Klein innen am grossen Kettenblatt an den Steighilfen schleift. Dieser eine Gang ist für mich also nicht fahrbar. Je grösser aber der Abstand von Ritzel zur Kurbel wird, desto eher löst sich dieses Problem von selbst.
Wer also seine Schaltprobleme nicht in den Griff bekommt sollte diese Lösung unbedingt ausprobieren.

Leider ist nun doch nicht alles eitel Sonnenschein. Nach den ersten 300Km auf der Strasse hatte ich ganz selten folgendes Problem beim Schalten von Klein auf Gross: Die Kette liegt nicht richtig auf dem grossen Blatt auf. In der Abwärtsbewegung des Kettenblattes rutscht die Kette dann nach Innen ab, verfehlt das kleine Kettenblatt und schmiegt sich so richtig schön zwischen Blatt und Rahmen ein. Durch den Rückschlag der Kette zieht sie sich dann auch noch von der anderen Seite hinter das Kettenblatt. Wie nennt man sowas? Einen Kettenfresser?
Verhindern liess sich das nach bisherigen Erfahrungen nur durch eine Feinjustierung des Umwerferkäfigs mittels der oberen Stellschraube minimal nach Aussen. Die Krux an dieser Sache: Eine minimal überdrehte Stellschraube verursacht dann den Kettenabwurf nach Aussen. 1-2mm entscheiden hier über Wohl und Wehe beim Schalten. Nicht prickelnd wie ich finde.

Das war dann auch schon der komplette Anbau der eTAP. Wie fährt sie sich nun? Einfach Klasse! Trotz der Umwerferproblematik bei ovalen Kettenblättern schaltet sie perfekt.
Das Schaltwerk ist ohne Fehl und Tadel. Es reagiert schnell und absolut präzise. Kommt es bei einem der inneren 9 Ritzel zu Laufgeräschen, kann man diese mittels Micro-Shifting während der Fahrt eliminieren, genial!
Der grösste spürbare Unterschied ist der vordere Umwerfer. Musste man bei der mechanischen Schaltung den Schalthebel mit relativer Kraft durchdrücken, evtl auch noch einen Moment festhalten genügt nun ein gleichzeitiger, kleiner Tip auf die beiden Schalthebel und das war’s.
An die Schaltlogik der STI zum jeweiligen Hoch- und Runterschalten hat man sich schnell gewöhnt. Der Wechsel auf mein Cyclocross gelingt problemlos. Falsch Schalten passiert da nicht, denn wenn man es versucht tippt man nur den Schalthebel an um dann zu merken, achja, ist ja keine eTAP.

Erstes Fazit
Hat sich nun der Wechsel gelohnt? Für mich ein klares Ja. Als „Wäscheleinen“-Hasser sind jetzt nur noch zwei sichtbare Zughüllen am Lenker zu sehen was mir gut gefällt. Die Schaltwerke empfinde ich nicht als klobig, was einige immer wieder anmerken. Hängt vielleicht auch von dem Rahmentyp ab, an welchem die eTAP verbaut wird. An meinem gefällt sie mir jedenfalls sehr gut, an einem filigranen Rahmen mag sie deplaziert erscheinen. Aber das ist ja wie immer Geschmachssache und muss jeder für sich selbst entscheiden.
Das Wichtigste ist aber die Bedienung der Schaltung und die finde ich von SRAM genial gelöst, intuitiv, exakt und schnell. Das Argument, dass man nicht gleichzeitig Ritzel und Kettenblatt wechseln kann mag vordergründig richtig sein. In der Praxis kann ich das nicht bestätigen. Dieser Vorgang dauert mit:
- beide Umschalter 1x gleichzeitig kurz antippen, dann sofort nochmals 1x tippen um das Ritzel zu wechseln höchstens genau so lange, wenn nicht kürzer wie
- linken Schalthebel ziehen und kurz halten und gleichzeitig rechten Schalthebel durchdrücken. Einfach mal probieren.
Ich fürchte ich werde dann doch über kurz oder lang ein Problem mit meiner vergleichsweise unkomfortablen Ultegra am Cyclocross bekommen……

Für weiter interessierte Leser hier noch alle wichtigen Video-Links zur eTAP und Q-Rings, welche bei der Montage hilfreich sind:
SRAM:
eTAP System Installation
BikeRadar: How to Install SRAM Red eTap
ROTOR: How to fit Q-Rings with your front derailleur
ROTOR:
How to install derailleur shims to fit QXL rings (und Q-Rings)
ROTOR:
How to install Q-Rings and set OCP
ROTOR USA:
Howto Install Q-Rings and SRAM (PDF)

Danke für’s Lesen!
Gut, dass dieses Scenario auf der Rolle problemlos reproduzierbar ist. Auf der Strasse wäre ich da wohl verzweifelt. So konnte ich den Moment des Überwurfs der Kette „einfrieren“ und mir genauer aus der Nähe ansehen. Das Problem ist definitiv die Position des Umwerfers zum grossen, ovalen Kettenblatt sowie die Form/Krümmung des Schaltkäfigs.

Die Lösung für dieses Problem und vermutlich auch für alle anderen Q-Rings Nutzer liegt in der horiziontalen Ausrichtung des Umwerfers. Im direkten Vergleich zur RED22 ist der eTAP Schaltkäfig fast 1cm kürzer. Damit hat er auch eine etwas veränderte Form.
Ich habe mich für die zweite Lösung entschieden. Dabei handelt es sich um eine Unterlegscheibe der SRAM FORCE. Nennt sich Rival/Force Adjust Washer und ist im Zubehörkatalog von SRAM zu finden. Das Zwischenstück ist asymetrisch geformt, ungefähr 1mm auf der einen und ca 3mm auf der anderen Seite dick. Kosten dafür 9€, die aber gut angelegt sind.

Das Distanzstück wird zwischen Anlötsockel und Umwerfer gesteckt. Wie auf dem Bild zu sehen ist, verfügt das Teil über 2 Bohrungen. Laut Beschreibung soll durch die eine Bohrung die Verschraubung mit dem Umwerfer und durch die andere Bohrung die Befestigung am Anlötsockel erfolgen. Ich habe mich aber nicht getraut die Schraube aus der eTAP heraus zu dehen, noch dazu wo ich einen längeren Ersatz benötigt hätte.
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